August.
02
2013

Mal einen „auspacken“

VON CHRISTOPH KARPE  - MZ

Die Hallenserin Nadine Müller reist als Außenseiterin zur WM nach Moskau. Doch trotz eher dürftiger Vorleistungen macht sie sich Hoffnung auf eine Medaille. Bei einem schlechten Abschneiden droht die Streichung der Spitzenförderung.

HALLE/MZ. 

Dieser winzige Frosch irritiert. Ganz nah am Diskusring an den Brandbergen in Kröllwitz übt der kleine Kerl hartnäckig große Sprünge - und schafft nur ein paar Zentimeterchen. Nadine Müller, die hier gerade trainiert, hat Angst um den wackeren Kämpfer. Ein unbedachter Schritt von ihr - und es ist aus mit dessen Zukunft. Eigentlich sind seine schwächlichen Baby-Versuche in Richtung und Weite berechenbar, es kann nichts Unvorhergesehenes passieren. Doch irgendwie traut die Diskuswerferin dem Fröschlein eine unerwartbare Sprungleistung zu. „Vielleicht packt er ja einen aus?“, sagt sie in Richtung Trainer René Sack. „Pack du mal einen aus“, kontert der trocken und grinst. Was er meint, ist klar: Sein Schützling könne das Trainingsgerät ruhig einmal perfekt „treffen“, wie sie sagen, und dann auf eine exorbitante Weite schleudern.

Genau das ist nämlich der Plan - nicht nur für diesen letzten Trainingstag auf der heimischen Anlage. Sondern vor allem für die anstehenden Weltmeisterschaften in Moskau. Am 11. August steht Nadine Müller dort im Ring. Die internationale Konkurrenz wird die schlanke Blondine mit mulmigem Gefühl voller Ungewissheit beobachten: Was hat die Müller drauf? Nach den bisherigen Leistungen einer für sie unterdurchschnittlichen Konkurrenz, dürfte sie den Favoriten um Olympiasiegerin Sandra Perkovic bei der Medaillenvergabe nicht in die Quere kommen. Eigentlich. Es sei denn, die Hallenserin „packt einen aus“.

64 Meter sind Ausgangswert

Und das hat die 27-Jährige unbedingt vor. „Ich möchte natürlich wieder eine Medaille“, sagt die Vizeweltmeisterin von 2011. Das Ziel kling anspruchsvoll. Denn die einzige Weite, die ihre mögliche Form erahnen lässt, sind die lediglich 64,17 Meter mit denen sie Anfang Juli in Ulm ihren fünften deutschen Titel in Serie gewann.

Ein Medaillegewinn wäre ein echter Coup. Zum einen reichte solch eine 64er-Weite zuletzt nur bei der EM 2012 zu einem Platz auf dem Podest bei internationalen Meisterschaften. Zum anderen lag Nadine Müller seit ihrer Verletzung im April meist noch darunter. Und nie war sie in den letzten Jahren mit solch relativ dürftigen Vorleistungen zum Saisonhöhepunkt angereist. „Aber man kann doch nicht dorthin fahren und sagen, man will einfach mal so ein wenig mitwerfen“, sagt Trainer Sack. Also geht er mit Nadine Müllers hohem Anspruch an den WM-Wettkampf konform.

Dieser forsche Optimismus kommt natürlich nicht von ungefähr. Und das Duo neigt gewiss nicht zur übermütigen Selbstverklärung eigener Möglichkeiten. „Ich weiß, was ich drauf habe“, sagt Nadine Müller. Auf die fragende Prognose „64 plus x?“ kommt ein leises Lächeln und ein sichtbares Nicken. Das Zutrauen ist da. „Ich weiß, dass meine Formkurve stetig nach oben geht. Jetzt brauche ich nach harten Trainingseinheiten nur noch etwas Frische. Und die kommt bestimmt in den nächsten Tagen“, ist sich Nadine Müller sicher. Weil sie die letzten Wettkämpfe, etwa das Diamond League-Meeting in Monaco (19. Juli), aus dem vollen Training mit harten Einheiten im Kraftraum absolviert hatte und eben jene Frische fehlte, nahmen sich die Resultate dementsprechend bescheiden aus: 60,51 Meter in Monaco - vier Meter weniger als dort vor einem Jahr, als Nadine Müller danach Olympiafünfte wurde.

Diese verflixte Hüftverletzung aus dem April, die sie 14 Tage komplett zum Nichtstun verurteilt hatte, wirkte sich gleichzeitig auf Form und Geldbeutel aus. Einige Auftritte bei großen Meetings musste Nadine Müller sausen lassen - gleichermaßen wegen geringer Erfolgsaussichten und der Priorität Training. Der Zusatzverdienst, der ihre dadurch fehlt, darf getrost auf 20 000 Euro geschätzt werden. „Es ist halt so, kann man nicht ändern“, sagt Nadine Müller selbst. „Es geht doch nicht darum, wegen des Geldes über die Meetings zu tingeln“, so Trainer Sack. „Wer das macht, ist fehl am Platz. Es geht darum, zum Höhepunkt die beste Leistung zeigen zu können. Und das sind nun mal die WM. Da zählt es“, sagt er noch.

Was natürlich dann, wenn es mit einer Medaille klappen sollte, auch die angenehme Folge hat, dass Veranstalter von Meetings die jeweiligen WM-Platzierungen extra honorieren. „Gibt es in Moskau eine Medaille, gibt es danach etwas zu verdienen“, so die Rechnung von Sack, dem Nadine Müller im finanziellen Punkt gern das Wort überlässt.

Kampf um Fördergeld

Der Umkehrschluss im Falle eines Misserfolges liegt natürlich auf der Hand. Und dann droht noch mehr. Falls Nadine Müller es in Moskau nicht unter die besten Acht schaffen sollte, „wird sie sicherlich im A-Kader bleiben, aber dann nicht mehr die Spitzenförderung erhalten“, erzählt René Sack. Dann gebe es 2014 Trainingslager nur noch komfortreduzierter Nahdistanz-Version, statt etwa Touren nach Südafrika.

Aber daran mag das Team Müller/Sack eigentlich nicht denken. „Ich bin wirklich optimistisch, dass ich in der Lage bin, in Moskau mindestens einen richtig klasse Wurf auszupacken“, sagt Nadine Müller. Das Fröschlein ist inzwischen nicht mehr zu sehen. Ihm scheint Gleiches in Sprungform wohl doch irgendwie und völlig unerwartet gelungen zu sein.