November.
26
2012

Mitteldeutsche Zeitung

LeichtathletikNadine Müllers Verwandlung

VON CHRISTOPH KARPE, 26.11.12, 

HALLE (SAALE)/MZ. Sie hat sich rar gemacht. Ganz bewusst. "Ich wollte die Sache erst einmal für mich selbst verarbeiten", sagt Nadine Müller. Die Sache war jener fünfte Rang im Diskuswurf-Finale der Olympischen Spiele in London. Eine riesige Enttäuschung. Das wollte zunächst mental verdaut und dann ganz sachlich analysiert sein. Doch trotzig sagt Nadine Müller noch immer: "Mein offizielles Ziel, einen Platz zwischen eins und sechs, habe ich doch erreicht."

Dabei weiß sie selbst am besten: Die bewusste Tiefstapelei sollte Druck vermindern, sie psychisch gegen eine Niederlage wappnen. Der Schachzug taugte nichts. Denn natürlich hatte die seit kurzem 27-Jährige den Anspruch an sich selbst, von ihren ersten Spielen mit einer Medaille nach Hause zu kommen. Also herrschte Frust pur, weil sie nicht an ihr Leistungslimit gekommen war. Und der Ärger wurde gleich noch in der Nacht nach dem Finale am 4. August an einem Stand am Londoner Olympiastadion mit Trainer Rene Sack und ein paar Bier bekämpft.

Inzwischen hat Nadine Müller ihr Lächeln wiedergefunden. Zumindest teilweise. Sie bastelt an ihrer Wandlung, veränderte dafür ihr Leben. Zunächst ist sie von Halle in einen Ort der Gemeinde Schkopau umgezogen, "wo es schön ruhig ist". Dann hat sie Dienst bei ihrem Arbeitgeber, dem Bundesgrenzschutz, am Flughafen Leipzig-Halle geschoben. Einen Vereinswechsel nach Leipzig verwarf sie. Und schließlich zog sie mit Sack einen Schlussstrich unter diesen vermaledeiten Wettkampf. Es wurde "Klartext geredet", so der Coach.

Jetzt wird voraus geblickt - mit frischem Mumm. "Wir wissen, dass wir in der Vorbereitung keinen Fehler gemacht haben. Eine Knieverletzung, die wir verschwiegen, beeinträchtigte vier Wochen Trainingszeit. Das war wohl das entscheidende Defizit", verrät der Trainer. Er sagt aber: "Wir wissen genauso, was wir ändern müssen."

Das sind vor allem zwei Dinge: Masse und Aggressivität. Nadine Müller, die Vizeweltmeisterin 2011 und Vizeeuropameisterin dieses Jahres, will sich äußerlich und innerlich neu erfinden. Schließlich sollen bei wichtigen Wettkämpfen auch einmal Siege her.

Und das geht nicht ohne mehr Gewicht. "Die Konkurrentinnen sind alles kompakte Kraftprotze. Ich bin mehr der schlaksige Typ", sagt Nadine Müller, die bei 1,93 Meter Körperhöhe 90 Kilo auf die Waage bringt. Drei, viel Kilo sollen draufgepackt werden, alles Muskelmasse. Im Oberkörper, im Po. "Ich denke mir schon ein paar gemeine Übungen aus. Das wird schmerzhaft", sagt Rene Sack grinsend. Aus dem Rumpf heraus soll sein Schützling "mehr Bumms entwickeln" und mit dem Hintern künftig "Nüsse knacken" können, so das nur im übertragenen Sinn ernst gemeinte Kampfziel des verschworenen Duos.

Jedenfalls das für den Körper. Was wohl machbar sein sollte. Komplizierter dürfte die Wandlung von der "zu lieben Nadine" (Sack) zur einer entschlossenen Kämpferin werden. Auch wenn eine Psychologin hilft: "Du kannst eine Persönlichkeit nicht komplett umstellen", sagt Sack. Er weiß, und jetzt formuliert er bewusst überzogen: "Aus Nadine wird keine Killerin." Was nichts anderes heißt: Gnadenlos, umbarmherzig gegen sich selbst und die Rivalinnen wird Nadine Müller nie einen Diskuswettkampf bestreiten. Soll sie auch nicht. "Blinde Aggression verdirbt die Technik", so Sack. Es gehe allein um den unbedingten Willen, sich nicht hängen zu lassen, wenn eine Konkurrentin einen Wurf über 69 Meter raushaue. So wie Olympiasiegerin Sandra Perkovic (Kroatien).

Und so kommt der London-Wettkampf wieder hoch. Darja Pischtschalnikowa ist erneut als Doperin entlarvt worden. Die Russin dürfte ihre Silbermedaille verlieren. Müller wäre dann Vierte. Und wenn noch eine Rivalin überführt würde? "Ich würde die Bronzemedaille gar nicht wollen - so mal nebenbei. Da fehlt doch dann das ganze Fluidum, das besondere einer Siegerehrung", sagt Müller. Es ist immer noch Wehmut herauszuhören. Sie hätte es so genossen, in London gefeiert zu werden.